Linda, Tochter ihres Vaters

Die Bedeutung der Vater-Tochter Beziehung in der Partnerschaft

Barbara Streisand: Papa, can you hear me (Auszüge):

Papa can you hear me
Papa can you sea me
Papa can you find me
Papa can you hold me
Papa can you help me…

Please, Papa, vergive me…
try to understand me…
please, give me a chance.
.
The night is so much darker
the wind is so much colder
the world is so much bidder
since you habe gone –
now, where I´m alone

Don´t you know how I love you
…how I need you...
…how I miss you...    Papa


Vielleicht bewegt dich als Frau auch gerade deine Beziehung mit deinem Liebsten oder dein Partner. Vielleicht hast du gerade das Gefühl, irgendetwas läuft schief oder nicht so wie du dir das vorgestellt hast. Vielleicht hast du das Gefühl, du kannst mit deinem Partner gar nicht mehr kommunizieren; ihr sprecht unterschiedliche Sprachen – und keiner versteht den anderen. Vielleicht hast du den Eindruck, du „rennst“ die ganze Zeit hinter deinem Partner her, versuchst alles, damit eure Beziehung glückt und er zieht sich zurück, je mehr du tust. Vielleicht geht es dir aber auch so, dass jede Beziehung schon nach kurzer Zeit wieder endet oder du erst gar keine Partnerschaft eingehen kannst oder willst, weil dir kein Mann gut genug ist.

Dann lohnt es sich einmal einen Blick auf deine erste Beziehung, deinen ersten Liebhaber zu werfen: den Vater. Wie war deine Beziehung zu ihm: wie sehr hast du ihn geliebt oder abgelehnt? Wie sehr bewundert oder gehasst?

Die Beziehung zum Vater ist für Frauen nicht nur prägend für ihr Selbstwertgefühl und –bewußtsein als Frau, sondern auch entscheidend wie sie in Beziehung ist mit einem Mann. Die oftmals ungenügend erwiderte Liebe des kleinen Mädchen zu ihrem Vater hat Folgen für sie selbst und ihre Liebesbeziehungen bzw. Partnerschaften.

Linda

Linda kommt zu mir in die Einzelsession. Sie ist eine junge Frau, Anfang dreißig, sehr schlank und sehr hübsch. Die Art wie sie sich grazil bewegt, wie sie im Sessel Platz nimmt, ihre ganze Haltung ist von einer Mischung aus Schüchternheit und Sinnlichkeit. Jede Geste setzt sie bewusst ein. Sie zielt darauf ab, Eindruck zu machen. Die Frage, die ich dahinter verstehe: komme ich an? Linda spricht von ihrem Problem in ihrer Partnerschaft: sie ist seit 13 Jahren mit ihrer ersten großen Liebe zusammen; seit einigen Jahren auch verheiratet. Doch die Liebe, die intensiven Gefühle zu ihrem Mann scheinen erloschen. Sie hat keine Lust mehr auf ihn. Meistens wagt sie dies nicht mitzuteilen und sie macht mit, so gut sie kann, spielt ihm etwas vor. Aber sie hat immer häufiger kein Verlangen und ist auch nicht mehr bereit, in der Liebe mitzuspielen. So kommt es immer öfter vor, dass sie die Annäherungen ihres Mannes zurückweist. Dennoch wagt sie es nicht über ihre Gefühle zu sprechen aus Angst ihn zu verletzen und zu verlieren, was ihre wohlbehütete Welt durcheinander bringen würde.

Auch an ihrem Arbeitsplatz spiegelt sich ihr angepasstes  Verhalten. Sie arbeitet in einer leitenden Position in einem großen Unternehmen - ausschließlich mit Männern. Stets ist sie dort bemüht, alles zu geben, erfolgreich zu sein, ihrem Chef alles recht zu machen und bringt mehr Leistung als von ihr verlangt wird. Wenn sie mal kritisiert wird stellt sie sich grundsätzlich in Frage und verliert das Vertrauen in sich und ihre Fähigkeiten.

Das sind dann schlechte Tage in ihrem Leben, an denen sie nicht in den Spiegel schauen mag. Doch seit einiger Zeit hat sie angefangen immer häufiger über sich selbst, ihre Beziehung und auch ihr Verhalten im Beruf nachzudenken. Sie kann die Gedanken nicht mehr abstellen. Sie fühlt sich leer und ausgebrannt und weiß gar nicht, was sie eigentlich will. Was sie aber spürt ist die Sehnsucht, sich selbst zu leben und die Suche nach sich selbst.

Das Beispiel Linda spiegelt uns ein Thema, das viele von uns Frauen betrifft:
Viele Frauen verlieren im Umgang mit Männern ihr Selbstvertrauen. Sie fühlen sich klein oder unzureichend und passen sich an. Sie tun alles, um Mann zu gefallen, seine Aufmerksamkeit zu bekommen oder später dann die Beziehung glücklich zu erhalten. Oft bemerken Frauen erst wenn eine Liebesbeziehung endet, wie sehr sie sich in der Beziehung verloren haben und sie müssen dann häufig lernen, sich wieder neu zu finden.

Die Papatochter

Das kleine Mädchen bewundert den Vater und liebt ihn abgöttisch. Alles was er sagt und tut ist wunderbar. Und das kleine Mädchen tut alles, um die Aufmerksamkeit und Liebe des Vaters zu erringen. Manchmal liebt auch der Vater seine Tochter genauso und ist verzückt von ihr. Er spielt und tobt mit ihr, gibt ihr seine Anerkennung und zeigt ihr seine Welt. Er ermutigt und unterstützt sie dazu, all die Dinge und Ziele im Leben zu realisieren, die er selbst für erstrebenswert hält. Dann wird die Welt des Vaters zur Welt des kleinen Mädchen. Die Tochter eifert ihm nach; er ist ihr großes Vorbild.

Oder aber der Vater ist abwesend, körperlich oder geistig. Er zeigt kein oder nur wenig Interesse für die Welt des kleinen Mädchen. Sein Blick zeigt ihr, dass er ganz woanders ist als bei ihr. Sie versucht alle Register zu ziehen, um seine Aufmerksamkeit und Liebe zu erringen. Manchmal gelingt ihr das. Das ist dann für sie die Bestätigung: wenn ich mich so verhalte, wenn ich zum Beispiel fröhlich bin, lache oder gute Noten habe... bekomme ich Papas Aufmerksamkeit. Je nachdem, ob sie viel Aufmerksamkeit bekommen hat oder die Liebe der Tochter zum Vater unbeantwortet bleibt, ist doch das Verhalten des Vaters entscheidend für das Selbstwertgefühl und – bewußtsein der Tochter als Frau. Fehlt aus verschiedenen Gründen die Stärke der Mutterbeziehung als Ausgleich wird die Orientierung an den Vater sehr einseitig; dann sprechen wir von Papa-Töchtern.

Das Leben von Papatöchtern kann natürlich sehr verschiedenartig sein und unterschiedliche Ausprägungen haben. Am deutlichsten können wir jedoch eine „Papatochter“ in auffälligen Äußerlichkeiten erkennen, etwa wenn eine junge attraktive Frau einen sehr viel älteren Mann heiratet oder einen aus deutlich höherem sozialen Milieu. Auch in typischen weiblichen Berufen, in denen Frauen einem Chef zuarbeiten, wie Chefsekretärinnen o.ä. lassen sich „Papatöchter“ vermuten. Aber natürlich kommen Papatöchter auch in vielen anderen Berufen vor und gibt es viele „Papatöchter“, die nicht immer so offensichtlich sind, wie in erwähnten Beispielen.

Der positive Aspekt der Papatochter

Der positive Aspekt dieser Vater-Tochter Beziehung ist, dass das Mädchen oder die junge Frau über die Liebe zu ihrem Vater die Liebe und Hingabe zum Mann entwickelt sowie eine große Fähigkeit, sich auf ihn einzustellen und mit ihm zu schwingen. Über die Liebe zu ihrem Vater entwickelt sie die Liebe zum Mann. Die Papatochter bekommt für gewöhnlich auch viel Bewunderung und Aufmerksamkeit von Männern, denn sie weiß ja gut, was Männer mögen und was ihnen gefällt und sie richtet sich danach. Das stärkt zunächst sehr ihr Selbstbewusstsein als Frau. Auch hat sie es für gewöhnlich leicht einen Mann zu finden, den sie lieben, bewundern und von dem sie viel Liebe und Anerkennung bekommt. Auch beruflich können Papatöchter sehr erfolgreich sein, denn sie sind ehrgeizig, sehr motiviert und selbstbewusst in ihrem Auftreten.

Der negative Aspekt der Papatochter

Findet die Vater-Tochter Beziehung kein Gegengewicht durch die Mutter - entweder weil diese nicht präsent ist oder abgelehnt wird bilden sich stärker die Schattenaspekte der Vater-Tochter Beziehung heraus, wie auch bei unserem Beispiel Linda. Die Schattenaspekte der Papatochter sind eine große Angepasstheit an die Erwartungen des Mannes: in der Sexualität, in der Zurückhaltung eigener Gefühle und Bedürfnisse, im Verbot, Zeit und Rückzug nur für sich selbst in Anspruch zu nehmen u.a. Meist vergehen Jahre, bis Frau dann irgendwann in ihrem Leben bemerkt, dass sie sich durch die starke Außenorientierung (am Mann) selbst verloren oder aufgegeben hat - häufig erst, wenn sie äußerlich alle Ziele erreicht hat (Familie, Beruf). Das ist dann manchmal wie ein plötzliches schmerzhaftes Erwachen, manchmal aber auch ein zarter, langwieriger Prozess, da die bisherige Identität stark ins Wanken gerät.

Auf der Suche nach sich selbst als Frau

Frau sein lernen wir nur von anderen Frauen und von der Mutter oder der Großmutter. Auch wenn wir die Bestätigung als Frau erst einmal beim Mann und Vater suchen, können wir letztendlich Frausein doch nur von Frauen lernen.

Daher sind Frauengruppen oder Frauentrainings, auch heute nach wie vor wichtig für Frauen. Hier können sich Frauen über diese spezifischen Fragen und Themen austauschen. In Frauentrainings haben die Frauen aber auch ein eigenes Erfahrungsfeld: sie sind unter ihresgleichen, haben viele Frauenspiegel, mit deren Hilfe sie sich reflektieren und als Frau erfahren können. Hier können sie aber auch bestimmte Verhaltensmuster, die immer wieder zum Desaster in Beziehung führen, anschauen und auflösen.

Frauengruppen bieten Frauen einen Rückzugsort, um tiefer ins eigene Frausein zu gelangen – ein Stück unabhängig von den Erwartungen des Mannes. Das bedeutet einen tieferen und erfüllteren Kontakt mit sich selbst als Frau zu entwickeln, die eigenen Bedürfnisse wieder stärker wahrzunehmen und das Vertrauen in die eigene Intuition zu stärken.

Für manche Frauen mag diese „Frauenwelt“ ohne Männer erst einmal fremd oder gar langweilig anmuten. Doch gerade dann wäre es vielleicht spannend, ein Frauenseminar auszuprobieren. Die Atmosphäre nur unter Frauen ist sehr anders als in einer gemischten Gruppe und das ist sehr spürbar: wenn das gemeinsame Objekt der Begierde wegfällt, der Mann, wird das Verhältnis der Frauen vertraut und schwesterlich. Dann geben sich Frauen einander Tipps und Ratschläge und Austausch, aber auch Halt, Trost und Mitgefühl.

Zum Dakinitraining für Frauen

Buchtipps:
Julia Onken: Vatermänner, beck´sche Reihe
Verena Kast: Vater-Töchter – Mutter-Söhne, Kreuz Forum Verlag