Gedanken zu Liebe und Freiheit
von Evelyn Gimborn

Liebe Leila,

hiermit möchte ich meine Gedanken ÜBER LIEBE, FREIHEIT UND VERBUNDENHEIT mit dir teilen:
Du kennst ja Andreas*, meine letzte große Liebe, die über viele Jahre anhielt. Andreas war der erste Mann in meinem Leben, dem nicht mein JEIN, sondern mein klares JA galt. Das war ganz neu für mich. Zuvor fand ich zu den Männern in meinem Leben immer nur ein halbherziges JEIN.

Selbst bei Wolfgang*, meinem damaligen Ehemann und Vater meiner Kinder konnte ich nicht wirklich JA sagen. Es gab immer Vorbehalte meinerseits. Und da beide Liebe mit „Brauchen“, mit „Erfüllung von Bedürfnissen“ verwechselten, entstanden Dramen, deren Ursache ich dem Verhalten der Männer zuschrieb. So war es mir unmöglich, JA zu dem realen Mann vor mir zu sagen und glücklich zu sein. Seit meiner letzten Beziehung zu Andreas habe ich mir jedoch die Fähigkeit JA zu sagen und entsprechend zu handeln, erworben, nicht zuletzt mit Hilfe eurer beiden Jahrestrainings. Das erfüllt mich mit Freude.

Manchmal meditiere ich über meine Erfahrungen und spüre ihrem Sinn nach. So spürte ich dem Sinn des Wortes „Freiheit“ nach, sowie dem Spruch „Liebe ist ein Kind der Freiheit“. Dabei wurden mir Erkenntnisse bewusst, wie z.B. den Folgenden: Wie du weißt, habe ich mich frisch verliebt: um genauer zu sein, habe ich das Gefühl, einer wirklich großen Liebe begegnet zu sein. In dieser neuen Liebesbeziehung erfahre ich das scheinbare Paradox von Freiheit UND tiefster Verbundenheit. Ich erfahre Auflösung bzw. Einswerdung scheinbarer Gegensätze. Es ist nicht so einfach, treffende Worte dafür zu finden. Ich erfahre, dass Liebe kein Kind der Freiheit ist, sondern eins mit ihr. Und ich erfahre, dass IN der Verbindlichkeit die Freiheit verborgen liegt, ich erfahre, dass sie nur DURCH Verbindlichkeit überhaupt existieren kann. In der Entschiedenheit der Verbindlichkeit tut sich mir eine Weite der inneren Freiheit auf, die grenzenlos erscheint und mich mit Ehrfurcht erfüllt. Indem ich frei entscheide, mich zu binden, indem ich freien Willens (freiwillig) wähle und damit auf andere Möglichkeiten bewusst verzichte, verliert dieser "Verzicht" alles Verzichten und transformiert sich in Glücksempfindungen.

In der Freiheit meiner Unverbindlichkeit war ich unfrei, weil ich nicht entschieden habe, sondern meine Partner über mich. So konnte ich auch nicht Wirklich glücklich in einer Beziehung sein. Mir wurde bewusst, dass ich in der Liebe im JEIN stecken geblieben war und mich aus Angst zu keinem JA mit allen Konsequenzen durchringen konnte.. Aus dieser undefinierbaren Angst heraus wollte ich mir die Möglichkeit zur Flucht offen halten. Heute erkenne ich, was ich mir mit dieser inneren Unverbindlichkeit (nach Außen war ich immerhin 13 Jahre verheiratet und bekam drei Kinder) aus Angst vor Nähe alles nahm, im Vergleich zu dem Glück, das ich nun in der Entschiedenheit und Verbindlichkeit erfahre.

Jetzt sehe ich es so: ein Mensch, der die vermeintliche Freiheit der Verbindlichkeit vorzieht, bleibt in dieser „Freiheit“ seiner Unverbindlichkeit und offenen Möglichkeiten sehr einsam zurück. So hat seine vermeintliche "Freiheit" einen sehr hohen Preis... Wie unfrei ist doch solch ein "freier" Mensch in Wirklichkeit.

In meiner Entschiedenheit entscheide ich, ziehe das Schwert aus der Scheide, das Schwert der Klarheit und weiß, wofür ich es einsetze: für mein JA zur Liebe und damit einhergehender Verbindlichkeit. In der klaren Entschiedenheit fällt jeder Verzicht auf alle anderen Möglichkeiten leicht und ist Ausdruck höchster Freiheit.

Ich bin frei und sehr glücklich, weil ich entschieden bin. Ich scheide nicht mehr...

In Liebe und Verbundenheit umarme ich dich

Evelyn Gimborn (Teilnehmerin Jahrestraining I und II)

*Namen abgeändert